#1

Meine Auszeit

in Bloghütte 24.02.2017 15:06
von KleinerBaer • 68 Beiträge

Vor paar Tagen wurde mir schlecht im Bus. Ich stieg aus und ging meiner Wege. Nein, es ging mir nicht gut. Verwundert rieb ich mir die Augen: Was ist mit mir passiert? Ich war zornig und ängstlich, besorgt und auch traurig.
Etwas Unerwartetes geschah: Ein Bote überreichte mir ein Päckchen. Darin fand ich ein Buch und ein paar Zeilen meiner Enkelin:
"Meine liebe Omi, da du ja immer neugierig bleibst und wir uns bei unserem letzten Treffen darüber unterhalten haben, hier eine kleine Aufmerksamkeit."

Der Titel des Buchs lautet: "Eine kurze Geschichte der Menschheit" und Yuval Noah Havari hat es geschrieben. Darin las ich:

"Die Fähigkeit, mit Hilfe von bloßen Worten eine Wirklichkeit zu erschaffen, machte es möglich, dass große Gruppen von wildfremden Menschen effektiv zusammenarbeiteten. Sie bewirkt jedoch noch etwas anderes: Da menschliche Zusammenarbeit in großem Maßstab auf Mythen basiert, kann man die Form der Zusammenarbeit neu gestalten, indem man die Mythen verändert und neue Geschichten erzählt."

Im erwähnten Gespräch meiner Enkelin war auch über "Meditation" gesprochen worden. Als Yogaübende und dem Buddhismus gegenüber aufgeschlossene Person war es mir vertraut. Ich musste jedoch gestehen, dass es mir sehr selten und nur bei bestimmten Haltungen gelingt, aus meinem Kopf Gedanken- und Gefühlschaos zu verbannen. Während einer solchen Yogaübung bemühte ich mich nun, die Gedanken wie Wolken vorüber ziehen zu lassen. Ich konzentrierte mich dabei auf meine Atmung und meinen Körper.
Anschließend vergegenwärtigte ich mir noch einmal, was mit mir passiert war.: Ich hatte im Bus gesessen, zugehört, mal etwas gesagt, zugehört und geschwiegen. Die Stimmen waren lauter geworden, und dann, bevor ich meine ganz eigenen Gedanken denken oder argumentieren konnte, hatten mich unangenehme Gefühle überwältigt.

In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. Ich hatte in regelmäßigen Intervallen mit zunehmend brennenden Augen auf den Bildschirm gestarrt und gelesen. Ich folgte düsteren Szenarien, beunruhigenden Gedanken und Visionen sowie mehr oder minder verhüllten Botschaften.

"Im Verlauf unseres Lebens tun wir zahlreiche Dinge und nehmen durch unsere Sinnesorgane einen gewaltigen Input aller Eindrücke auf, die uns begegnen. Das Problem einer verfälschten Wahrnehmung, das in seiner Größenordnung natürlich schwankt, entsteht aufgrund unserer Neigung, bestimmte Aspekte eines Ereignisses oder einer Erfahrung von der Gesamtheit abzutrennen und als Ganzes zu betrachten. Das führt zu einem verengten Blickwinkel und im weiteren zu falschen Erwartungen. Doch wenn wir über die Wirklichkeit als solche nachdenken,
dann machen wir uns sehr schnell ihre unendliche Komplexität bewusst und stellen fest, dass wir sie mit unserer gewohnheitsmäßigen Wahrnehmung nicht angemessen erfassen."
Dalai Lama
"Das Buch der Menschlichkeit"

Im Hier und im Jetzt reckten vorm Fenster graubraune Äste und Zweige vor gelbgrauen Häuserfronten in einen grau changierenden Himmel.
Auf meinem Arbeitstisch lagen Papiere, Cutter, Kleber und Stifte bereit für die Gestaltung einer Geburtstagskarte.
Später würde ich mich wegen einer Besorgung in die Straßenbahn setzen und wieder freundlich zurücklächeln, wenn eine Frau mit Kopftuch mir Platz macht. Auf der Straße würde ich ein wenig unsicher drei jungen Männern fernerer Herkunft ausweichen. Ich würde versuchen, alles, was um mich her geschieht, aufmerksam und bewusst zu erleben. Und während mich erneut Fragen und Problemstellungen bestürmten, würde ich wieder meine eigenen Wege gehen und Zeit brauchen, um über den Kontext von Fragen und Problemen nachzudenken.

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#2

RE: Meine Auszeit

in Bloghütte 24.02.2017 19:30
von Wassermann • 140 Beiträge

"...Während einer solchen Yogaübung bemühte ich mich nun, die Gedanken wie Wolken vorüber ziehen zu lassen..."

Sie hat sich bemüht.
Nein.
Sie ließ los und sah zu...

Ich saß am Ufer und sah...

Glück

Gräser
weinen
goldene
Tränen
ins
Blaugrün
gekräuselt
der Himmel
unterm Wasser
trägt
sich leicht
fliegen
die Wölkchen darin
die kleinen Steine
durchdringend
unsichtbar
die Strömung
an den großen Felsbrocken
versteckt sich
im Schatten die Silhouette
des kommenden Mondes
schmal seine Sichel
an der die Spinne
ihr Netz geknüpft
gefangen darin
ein Blatt
es treibt auf
kleinen Wellen
wirbelt um die
dunklen Pünktchen
im Kaffeebraun deiner Augen
verschwimmend
in meinen Tränen
kann es nicht fassen
mein Glück.

|addpics|cwo-3-3f10.jpg|/addpics|


zuletzt bearbeitet 24.02.2017 19:37 | nach oben springen

#3

RE: Meine Auszeit

in Bloghütte 24.02.2017 21:58
von KleinerBaer • 68 Beiträge

Worte sind keine Wirklichkeit
und doch kann ich alles sehen:
Ich seh weinende Gräser
und die goldenen Träume.
Auch das gekräuselte Blaugrün
seh ich und Wölkchen und Steinchen.

Schöne Bilder, nun sind sie fort.
Statt dessen tauchen Worte auf,
sich drehende und sich wendende,
die Gegensätze bilden und sich vernetzen.
Und ich frag` mich die ganze Zeit:
Was ist wahr? Was ist Wirklichkeit?

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#4

RE: Meine Auszeit

in Bloghütte 25.02.2017 16:43
von Laura • 95 Beiträge

Vielleicht ist die Wahrheit ....
wie Glas: mal kann ich durchsehen, dann wieder erscheint alles verschwommen bis schlierig und sogar eifriges Putzen hilft nicht.
Dünne Zerbrechlichkeit, mit der man sorgsamst umgehen sollte.

Wie gut, dass Du wieder da, äh hier bist, kleine Baerin!

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#5

RE: Meine Auszeit

in Bloghütte 25.02.2017 21:41
von VirginiaWoolf • 37 Beiträge

Die Wahrheit ... was ist die Wahrheit? Ist sie so zerbrechlich wie eben das Glas?
Ich weiß, DIE Wahrheit gibt es nicht, zumindest nicht im gesellschaftlichen und politischen Bereich.
Also bleibt. dass wir unsere Sicht auf die Dinge schreiben ...

Ach ja, mir war zwischendurch auch ziemlich übel, ich sah den Bus auf´s Glatteis schlittern...

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