#1

Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 26.03.2017 21:57
von Klara • 106 Beiträge

Vor einer Woche erhielt ich eine Nachricht:

Solange haben wir keinen Kontakt.
Ich vermisse dich.
Kommst du?


Die kleine Fatima erwartet mich an der Tür.
„Was ist da drin?“ Fragt sie mich und versucht, in die Papiertüte zu gucken.
„Jetzt nicht, habe ein wenig Geduld!“ Antworte ich ihr.
„Was heißt Geduld?“
Ich überlege kurz.
„Dass du warten sollst!“

Rozan steht wartend im Flur, in ihren Armen hält sie Niki, sie strahlt über das ganze Gesicht.
Sami, der auf dem Fußboden hockt, kommt angerannt, er will auch wissen, was in der Tüte ist.
Wir begrüßen uns herzlich.
Rozan hat sich für das Nouruzfest, das später stattfinden wird, herausgeputzt.
Wir gehen ins Wohnzimmer und sofort fällt mir der riesengroße Flachbildfernseher, der an der Wand hängt, auf.
Irgendein arabischer Sender läuft gerade Im Hintergrund.
„Neu gekauft!“ Sagt Rozan ganz stolz.
Die Kinder bekommen ihre Tüte und sind mit dem Auspacken beschäftigt.
Rozan gibt mir Niki und mir wird ganz warm ums Herz, er riecht so gut.
Ich betrachte sein schlafendes Gesicht. Er sieht aus wie ein kleines Äffchen, mit seinen langen schwarzen Haaren, denke ich.

Seit meinem letzten Besuch hat sich einiges verändert.
Fatima spricht jetzt ein fast akzentfreies Deutsch und Sami sieht nicht mehr so kränklich aus.
Wir warten auf Roman, ihren Ehemann, der in der Nachbarstadt die Sprachschule besucht.
Sie hat ihn sich nicht ausgesucht, das hat ihr Vater für sie getan.
„Ich kannte ihn nicht, ich wusste nicht, ob er dick oder dünn ist“ erzählte sie mir vor einiger Zeit.
Das Lernen fällt ihrem Mann immer noch schwer, aber er beherrscht jetzt das Alphabet und er versteht fast alles, wenn man sich mit ihm unterhält, erzählt sie mir. (Im Gegensatz zu ihr hat er in Afghanistan nie eine Schule besucht.)
Niki öffnet seine braunen Knopfaugen, blinzelt kurz und fängt in Nullkommanichts anzuschreien.
Sami und Fatima streiten sich, um was es genau geht, verstehe ich nicht.
„Fatima, sei nicht so grob zu deinem kleinen Bruder!“ Rufe ich ihr zu.
„Was heißt grob?“
„Du sollst nicht so böse sein und du sollst deinen Bruder nicht so hart anfassen.“

Die Tür fällt ins Schloss, Roman erscheint auf der Bildfläche, unter dem Arm trägt er eine Tasche.
Er lächelt mich an und gibt mir die Hand, dann verschwindet er ins Nebenzimmer und kommt gleich wieder zurück.
Er reicht mir Blätter und fragt, ob ich helfen kann.
Auf dem ersten Blatt steht:
Wohnberechtigungsschein
„Wir wollen nach Potsdam ziehen.“
„Warum? Habt ihr dort Verwandte?“
„Nein, aber nach Berlin dürfen wir nicht ziehen, wir wollen in einer Großstadt leben und Berlin ist nicht weit. Hier ist es so langweilig
Beide reden durcheinander und ich höre zu…

Wir werden schneller eine Arbeit finden, viel schneller als in einer Kleinstadt.
Dort gibt es viele Kindergärten und Schulen und bessere Einkaufsmöglichkeiten.
Wir müssen nicht soweit nach Berlin zum Einkaufen fahren und sparen Geld.
Dort gibt es Straßen, wo viele Autos fahren und wir müssen auch nicht mehr mit dem Zug zur Sprachschule fahren.
Für die Kinder ist es besser…


„Ich fahre jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit, eure Kinder gehen in den Kindergarten, hier gibt es auch Schulen und günstige Einkaufsmöglichkeiten und ihr habt eine schöne große Wohnung.“, erwidere ich.
„Wenn wir ein Auto hätten, dann würden wir bleiben, aber mit drei kleinen Kindern sind die Wege zu weit.“
Ich sage nichts mehr, denn ich spüre, dass ihr Entschluss feststeht.
Ich bin enttäuscht, aber ich zeige es nicht.

Wir haben es nicht weit bis zum Begegnungshaus.
Ein Duft liegt in der Luft, als wir uns dem Haus nähern. Es riecht nach fremden Gewürzen und nach Holzkohlegrill und plötzlich merke ich, dass ich großen Hunger habe.
Wir gehen an einer Küche vorbei und ich sehe junge Frauen mit und ohne Kopftuch, die in der Küche hantieren oder die Köpfe zusammenstecken und rumalbern.
Gleich vorne im Raum steht eine Gruppe junger Männer, ich gebe allen die Hand und alle begrüßen mich sehr freundlich. Kleine Kinder krabbeln auf dem Boden herum, größere Kinder rennen zwischen den Stuhlreihen hin und her. An einer Ecke steht ein kleines Büfett mit süßen Speisen.
Rozan mischt sich sofort unter ihre Landsleute, und plötzlich komme ich mir ganz verloren vor, in dieser Runde bin ich eine Fremde.
Ich suche mir einen Platz gleich vorne an der Stirnseite und mustere die Gastgeber und Gäste.
Ausgewogen, denke ich, wobei die schon länger hier Lebenden um einiges älter sind, als die, die noch nicht so lange hier leben.
Rozan kommt vorbei und zeigt mir einen Text, den sie vorlesen soll, dann ist sie wieder verschwunden.
Eine Frau, ohne Migrationshintergrund, setzt sich zu mir und fragt, ob ich auch Patin bin.
Ich verneine und antworte, dass ich das auch nicht vorhabe, weil mir die Zeit fehlt.
Sie versteht das, sie hat schon viele Paten kommen und gehen sehen, viele Freiwillige überschätzen sich.
Ich schaue auf die Uhr, fast eine Stunde ist vergangen. Ich warte auf die Begrüßungsrede, die es nicht geben wird. Rozan hat es sich inzwischen anders überlegt, aber das stört mich nicht, ich mochte noch nie Begrüßungsreden.
Ich habe mich mit meiner Sitznachbarin „angefreundet“, sie wirkt irgendwie verlassen. Fatima ist Lehrerin und kommt aus Syrien.
Sie hat kaum Kontakt zu den anderen Flüchtlingen, vertraut sie mir an. Die anderen Flüchtlinge kommen aus Afghanistan oder dem Irak, sie fühlt sich fremd unter ihnen.
Sie zeigt mir Bilder von ihren Kindern und ihrem Mann, der nicht mitkommen wollte und auf die Kinder aufpasst. Und sie erzählt mir vom Krieg und wie sie die letzten Monate in Aleppo erlebt hat. Die meisten ihrer Angehörigen leben im Libanon.
Aber wenn der Krieg beendet ist, dann möchte sie wieder zurück!
„Es ist meine Heimat….“
„Ich bin Deutschland dankbar!“
Mir ist das peinlich, ich möchte keine Dankbarkeit.
„Deine Handynummer, ich lade dich zum Essen ein…“
Ich möchte sie ihr nicht geben, aber tue es dann doch.

In der Zwischenzeit haben die Männer Tee ausgeschenkt und Gebäck gereicht.
Niki schläft in seinem Kinderwagen, der direkt neben dem Tresen steht. Samir sitzt auf dem Schoß einer älteren Frau und knabbert an einem Keks.
Und dann ist es soweit.
Männer kommen mit großen Tellern herein, auf ihnen stapeln sich dampfende Hähnchenkeulen.
Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, so intensiv riecht es.
Die Frauen bringen Fischplatten, Obst und Gemüse, Süßspeisen und natürlich das Fladenbrot.
Es schmeckt köstlich, ich kann mich nicht beherrschen und verputze gleich zwei Keulen hintereinander. Den zwei Rentnerinnen, die ein Stück weiter sitzen, scheint es auch zu schmecken, sie hauen ebenfalls tüchtig rein.
Worte haben sie mit anderen Gästen kaum gewechselt, vielleicht sind sie einsam und das Fest ist für sie eine willkommene Abwechslung, denke ich.
Musik erklingt, es ist ein Mischmasch aus Popmusik und arabischen Klängen.
Die Musik ist sehr laut, Niki schläft immer noch ganz tief und fest neben dem Tresen.
Die Männer tanzen, singen laut und wiegen sich im Rhythmus der Musik, jeder möchte zeigen, wie gut er tanzt.
Drei einheimische Frauen hält es nicht mehr auf den Stühlen.
Ich beobachte sie und bin amüsiert.
Satt und müde verabschiede ich mich später von Rozan, Roman und von vielen anderen.

Auf dem Heimweg denke ich über unser Gespräch nach.
Sie wollen nach Potsdam…




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zuletzt bearbeitet 26.03.2017 21:58 | nach oben springen

#2

RE: Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 27.03.2017 08:59
von magentis • 622 Beiträge

Die sind eben naiv-pragmatisch und kennen den "Zustand" der deutschen Großstädte nicht wirklich.

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#3

RE: Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 28.03.2017 19:08
von Wassermann • 147 Beiträge

Liebe Klara, ich finde, dass Du einen guten Ton für diesen Text getroffen hast.
Fernab der vielen falschen Töne, die zu diesem Thema verbreitet werden.
Es liest sich einfach und gut und das ist einfach gut.
Schade nur, dass Deine Worte, Deine Sätze, Dein Text eben… so wenig Beachtung findet.
Aber das lässt sich genauso für Wehnuss´ Gedichte,
Lauras Bilderwelt,
bumkins fokussierte Fotos
oder auch Voraces Gedankenreisen… sagen.

Wenn wir nicht miteinander sprechen, werden wir uns verlieren, sagte ich damals zu ihr.
Wir haben uns verloren für immer.

Es macht mich traurig, aber es ist wohl so:
Eine Bank, irgendwo an einem Weg am Rande eines Waldes.
Es gab Zeiten, da trafen sich Menschen auf dieser Bank.

Die Zeiten ändern sich.

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#4

RE: Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 28.03.2017 20:09
von Klara • 106 Beiträge

Hm…
Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir vornehme, ein Bild oder einen Text zu kommentieren und es dann doch nicht tue.
So wie heute, als ich in der Bahn saß und Vorace neusten Kommentar las.
In meinen Kopf bildeten sich Sätze: Fragen und Antworten.
Dabei wäre es wahrscheinlich auch geblieben, wenn du, lieber Wassermann, mich nicht angestupst hättest.
Habe ich dir, lieber Vorace, überhaupt schon einmal gesagt, dass ich deine Texte sehr gerne lese?
Das tue ich nämlich, auch wenn ich sie manchmal zwei - oder dreimal lesen muss.
Es liegt nicht an dir, es liegt an mir!
Du hast schon recht, Wassermann, wir sollten sorgsamer miteinander umgehen.
Es müssen nicht viele Worte sein, ein kleines Zeichen genügt…
Hallo, hier bin ich… ich habe deine Worte gelesen, deine Bilder betrachtet…

Ab morgen…ja ?

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#5

RE: Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 29.03.2017 01:48
von KleinerBaer • 68 Beiträge

Hab`s gelesen und war mittendrin in der geselligen Runde, war ganz Mensch unter Menschen - und das tat gut!

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#6

RE: Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 30.03.2017 17:42
von Mete • 186 Beiträge

Da geht eine eben leise begonnene Freundschaft bald schon wieder zu Ende. Ihr müsst sie ziehen lassen, Klara, denn sie müssen ihren Platz in diesem fremden Land finden. Vielleicht reift ja auch in besseren Zeiten in ihnen der Plan, wieder in ihre Heimat zu gehen. Dort gehören sie ja dann mit ihren Erfahrungen eigentlich hin und könnten sicher dem geschundenen Land auf ihre Weise helfen.
Aber das sind nun wieder nur Hoffnungen.

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#7

RE: Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 30.03.2017 19:43
von Klara • 106 Beiträge

Liebe KleineBaerin, ich habe diesen Text ohne Erwartungen reingestellt.
Trotzdem, danke für deine Worte. :-)
Ach was, wenn ich ganz, ganz ehrlich zu mir selber bin, dann habe ich doch auf eine klitzekleine Resonanz gehofft.
Nichts geschieht ohne Grund.
Aber in erster Linie habe ich es für mich getan.
Der erste Entwurf war gar nicht nicht so ausgewogen, dort habe ich nämlich meinen ganzen Frust reingeschrieben.

Liebe Mete, natürlich lasse ich sie gehen, vorausgesetzt das Amt macht mit.
Hartz VI Empfänger können auch nicht, wenn ihnen danach ist, nach Lust und Laune umziehen. Aus meiner Sicht wäre es auch ein falsches Signal, denn Integration bedeutet nicht, den Wünschen der Neubürger, aus falsch verstandener Toleranz, zu folgen.
Für die Entwicklung der Kinder wäre es wahrscheinlich nicht so gut, ich glaube nämlich, dass kleinere Städte bessere Möglichkeiten für eine erfolgreiche Integration bieten.
Die kleine Fatima ( den Namen habe ich geändert ) wäre heute sicherlich nicht so weit, wenn sie in einer Neukölner Kita gelandet wäre.

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#8

RE: Nouruz - Fest

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 31.03.2017 17:41
von Mete • 186 Beiträge

Natürlich stimmt es, was Du sagst. Klara, und es wäre sicher günstiger, sie in einer kleinen Stadt sich in Ruhe einleben zu lassen. Manchmal übersteigen Wünsche die Realitäten erheblich, und diese Menschen überschätzen ihre ganz persönlichen Möglichkeiten, die sie in einen Alltag hier einbringen können. Aber - und das ist menschlich - sie werden einem guten Rat von Freunden immer etwas entgegen zu setzen haben. Da hilft sicher eine amtliche Entscheidung eher.
Ich wußte nicht, dass es für gewünschte Wohnortwechsel bei Geflüchteten amtliche Vorgaben gibt.

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