#1

Mohammed und Du

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 20.01.2017 22:56
von Wolo • 174 Beiträge

Also entschuldigt, es muss sein. Der Text ist lang, ja. Die verlinkten Dokumente sind noch länger, ja.
Niemand soll sich genötigt sehen, dass alles durchzuschauen oder zu durchschauen (würde Wassermann jetzt wohl schreiben).
Denn ich habe es eigentlich für mich notiert :) Als eine Art Zusammenfassung, die ich halt gerne teile, warum nicht!?

Was soll das?

Nicht selten treffe ich auf intelligente Menschen, die meinen, der Islam sei "halt eine Religion" und diese Leute haben dann dabei das ihnen noch am ehesten vertraute Christentum im Sinn. Und sie meinen gleichzeitg, Moslems seien im Grunde putzige, etwas aus der Zeit gefallene, fromme Leute, die eben "noch" etwas stärker an Gott glauben, im Grunde so etwas wie betfleißigere Christen. So wie Oma und Opa damals auch noch.

Und tragen nicht auch die frommen christlichen Nonnen Kopftücher, so wie die keuschen Muslimas?[1]

Und wir wissen alle aus alten Geschichten und Überlieferungen: Wer an Gott glaubt, kann kein schlechter Mensch sein! Ist doch die Religion Garant für eine friedliche Ethik.

Also gut, bzw. schlecht:
Nun, wie die Nonne keines Mannes Eigentum ist und wohl auch nie als Gebärmaschine betrachtet wird, so wenig gleicht das Gebet eines Muslim dem Gebet des Christen. Und ebensowenig gleicht das Selbstverständnis des Islam dem des Christentums.

Doch durch die üblich dekandente Kulturvergessenheit und allgemeine um sich greifende Einfältigkeit gepaart mit westlicher Arroganz ist vielen Leuten eben einfach nicht bewusst, dass unsere christlich geprägte Religionsvorstellung schlicht eine sehr spezielle ist und dass diese eben keineswegs universell ist.

Es gibt eklatante, ja, wesentliche Unterschiede zwischen der Lehre Mohammeds und dem Christentum, wie wir es kennen. Ich möchte versuchen, darauf einzugehen.

Einführung

An dieser Stelle möchte ich einführend diesen Vortrag des Marxisten Krauss zum Islam stellen:
https://www.youtube.com/watch?v=Ft-eJ8_5IAI

Krauss beschreibt hier in der Hauptsache die Grundcharakteristika der islamischen Ideologie und den Ist-Zustand des Islam in der heutigen Zeit. Seine Ausführungen sind gut gegliedert, lassen m.E. nichts wichtiges aus und sind hinreichend genau.
Krauss läßt auch nicht aus zu erwähnen, dass in unserem Land ein völlig falsches Bild des Islam vorherrscht, welches auch - wie er korrekt ausführt - aktiv befördert wird. Dem OIC scheint hier eine Schlüsselrolle zuzukommen.[2]
Der Vortrag im Sinne einer grundlegenden Aufklärung (und auch zur Weiterreichung!) sehr wertvoll.

Was Krauss weitgehend außen vor läßt, ist eine kulturhistorische Einordnung des Islam und es fehlt auch die Darstellung des Verhältnisses Islam/Abendland/Moderne, sonderlich als geschichtlichen Prozess.

Von daher wundert es auch nicht, dass bei Krauss eine tiefere Analyse jener Mechanismen ausfällt, die der aktuellen Entwicklung des hiesigen Islam zugrundeliegen. Als klassischer Linker muss sich Krauss hier etwas unbeholfen und völlig unzureichend auf den Klassenkampf zurückziehen.

Einordnung

Ein auf dem Vortrag Krauss aufbauendes und somit weiterführendes, analytisches Bild, dem eine kulturgeschichtlichere Betrachtung zugrundeliegt, liefert Patzelt in diesem ausführlichen Text:
http://wjpatzelt.de/?p=339
Hier sei bezüglich einer kulturgeschichtlichen Einordnung das Kapitel "VI. Folgenreiche Besonderheiten der Geschichte des Islam" hervorgehoben. Freilich sollte man sich trotzdem erst durch die ausführliche Einleitung kämpfen. Diese ist keinesfalls unfruchtbar - im Gegenteil.

Was mich an Patzels Ausführungen doch etwas verwundert, ist der moderate Schluss, der Glaube an die Herausbildung eines (historisierenden) "Euro-Islam", der allerdings selbst von seinem eigenen "Erfinder" schon aufgegeben wurde[3]. Auch spricht die Empirie gegen diese These, die wohl eher dem Optimismus Patzels und einem Wunschdenken entspringt - oder einem ausschließlichen Umgang mit gebildeten "Oberschichten-Muslimen" in seinem akademischen Umfeld.[4]

Vielleicht sollte man bei der Lektüre Patzelts typischerweise sehr "diplomatisch formuliertem" Text stets im Auge behalten, wie das konkrete Leben der vorbildlichen und maßgeblichen Propheten ausgestaltet war. Das Leben Jesu dürfte hier ungefähr bekannt sein, weiß doch jeder, dass er zumindest kein weltlicher Herrscher war. Im Gegensatz zu Mohammed, der sich als militanter Eroberer zeigte und für den Gewalt zur Durchsetzung seiner Herrenmenschen-Ideologie häufig das Mittel der Wahl war, bis hin zu Massentötungen Andersgläubiger, bei denen er selbst Hand mit anlegte.

Analyse aktueller Prozesse

Eine kritischere und weitergehende Einordnung der konfliktbeladenen Beziehung zwischen Islam und den westlichen Gesellschaften (inkl. ihrer politischen Akteure) bringt die theologisch-psychologische Analyse von Raddatz, freilich aus katholisch-konservativer Perspektive. (Beachte: Raddatz führt vieles auf Aquin zurück, auf den auch Patzelt indirekt verweist)

https://www.youtube.com/watch?v=IdVfwDQUk-o

Bemerkenswert ist übrigens, dass neben Krauss auch Raddatz dem OIC wesentliche Bedeutung in der Ausgestaltung dieser Beziehungsverhältnisse beimisst!

Eine sehr gute Erklärung der großen - und weithin unterschätzten! - Relevanz verschiedenartiger kulturhistorischer Entwicklungen auf die gesellschaftlichen Wirklichkeiten heute legt übrigens Sarrazin in seinem letzten Buch "Wunschdenken" dar (und belegt diese selbstverständlich). Die Nachhaltigkeit solcher kulturgeschichtlichen Prozesse ist kaum zu unterschätzen. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Eine "Reformation" des Islam, die wohl mit einer Historisierung des Koran und der zugehörigen Texte einhergehen würde, ist nicht in Sicht. Proponenten solcher Forderungen sind entweder diskursiv isoliert (Navid Kermani, Ahmad Mansour) oder werden, auch wenn sie nur "mäßige Änderungen" fordern, mit dem Tode bedroht (Mouhanad Khorchide). Radikalere Kritik führt zu "offiziellen" Mordaufrufen und zwingt - auch hierzulande! - in ein Leben unter ständigem Personenschutz.
Auch wenn der Islam dezentral organisiert ist, sitzen die bestimmenden "Vordenker" und "Deuter" dieser Ideologie in den Legitimationszentren Arabiens und Nordafrikas. Und diese Leute dort werden - aus ihrer historischen Position und Lage heraus nachvollziehbar - ihre aufgebauten Theologiegebäude kaum abreisen wollen für das kleine und - über längere Zeiträume - geschichtlich unbedeutende Europa, zumal mit seinem heutigen Selbstverleugnungs- und Toleranzfimmel.


Eigene Erfahrungen

Ich habe in den letzten Wochen/Monaten via sozialer Netzwerke mit Dutzenden Muslimen zum Thema Islam Austausch gehabt. Festzustellen bleibt für mich, dass den meisten dieser (hier sozialisierten) Menschen der Islam als starkes Identifikationsmittel dient. Ein Teil (wahrscheinlich der jüngere) schien mit den Grundlagen der eigenen "Religion" nicht sonderlich vertraut (was nicht heisst, dass er kulturell dadurch nicht geprägt sein kann).
Ein anderer Teil der Leute war gezwungen in einem (mutmaßlich) quälenden und unauflösbaren Widerspruch zwischen der totalitären mohammedanischen Lehre und dem hierzulande gesellschaftlich praktiziertem Humanismus zu leben. Diese Leute sind die ersten Opfer des völlig irrsinnigen multikulturellen Experimentes, dessen verderbliche Auswirkungen früher oder später auch "uns" erreichen werden.
Die Islamverbände übrigens können kein Interesse an der Auflösung dieses Widerspruchs haben, der ihnen via "Lagerbildung" eine Bindung der Gläubigen garantiert. Beleghaft sei hier an die regelmäßige Ächtung von Reformern erinnert.

Eine doch bemerkenswerte Erkenntnis dieser kleinen Privatstudie war übrigens, dass fast ausnahmslos alle Angesprochenen neben einem nur schwach ausgeprägtem Dialogverständnis eine beinahe identische Argumentationsschiene (mäßiger Tiefe und faktisch falsch) erkennen liesen, die wie von einer zentralen Instanz vorgegeben schien. ("Islam bedeutet Frieden", "Der Koran verbietet jede Gewalt", "Der Islam ist die toleranteste Religion und stellt Juden und Christen den Moslems gleich", "Islamisten" sind keine Moslems, etc.pp.).

Ich kann nur ermuntern selbst einmal in (anonymen) Dialog mit "normalen" Muslimen zu treten, um deren Denken auszuloten.

Man kann diese Leute beispielsweise fragen, weshalb Mohammedkarikaturen zu Protesten führen, weil dadurch "religiösen Gefühle" verletzt werden, das Treiben des IS jedoch (wir erinnern uns: "Das sind keine Muslime!") keinen Aufschrei zur Folge hat, obwohl diese Leute ihr inhumanes Treiben offen und lautstark im Namen Allahs vollziehen und behaupten, dem Pfad Mohammeds zu folgen. Warum also stellt das keine ungeheuerliche Beleidigung dar?
Warum benötigen Khorchide und Abdel-Samad Personenschutz und Pierre Vogel bleibt unbehelligt?
Das sind Teile der traurigen Realitäten, die aus "unserem Islam" resultieren.

Die Einschätzung, ob der Islam in eine humanistisch orientierte Gesellschaft integrierbar ist, überlasse ich dem Leser.

So, ok.

Zum Abschluss noch etwas Leichteres. Eine schöne alte Geschichte in einer Art Neuinterpretation, die zudem die Kategorisierung dieses Artikels unter "Philosophisches" rechtfertigt :)

https://philosophia-perennis.com/2017/01...te-des-islam-1/


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[1] Diesen Vergleich habe ich wirklich im ÖRR so gehört.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Organisati..._Zusammenarbeit
[3] http://www.bassamtibi.de/?p=2811#more-2811
[4] Das kulturelle Prägung in viel tieferen und wirkmächtigeren Schichten sitzt, als akademisches Wissen, ist hiermit belegt: https://www.giordano-bruno-stiftung.de/m...slime-evolution


zuletzt bearbeitet 17.09.2017 01:05 | nach oben springen

#2

RE: Mohammed und Du

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 21.01.2017 12:32
von ernst • 72 Beiträge

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich glaube auch, dass sich das Fehlen einer Lehrmeinung darin auswirkt, dass es viele Interpretationen gibt und dass die, die sie vertreten auch von deren Richtigkeit überzeugt sind. Wir werden als Staat die Münsteraner Schule unter den Muslimen kaum als verbindlich durchsetzen können aber wir könnten den Kindern ein religionskundliches Gerüst mitgeben was sie vor der Übernahme extremer Deutungen des Islams bewahrt.
Ich kenne eine Reihe aufgeklärter Muslime, die kaum noch glauben. Ihnen geht es wirtschaftlich gut und sie lassen ihren Glauben so langsam fallen. Ich denke das sollte die Zielrichtung sein, dass die Menschen, die gekommen sind, erkennen, dass man nach unseren Wertvorstellungen auch ein gutes und sinnvolles Leben führen kann.

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#3

RE: Mohammed und Du

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 28.01.2017 21:16
von Wolo • 174 Beiträge

Heute gab es einen quellenreichen Artikel auf einem meiner Lieblingsblogs zum Thema, der hier der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben darf:
https://philosophia-perennis.com/2017/01...t-krauss-islam/
Dort finden sich zahlreiche Literaturempfehlungen für die, die Interesse am Thema haben.

@ernst:
Was die Interpretationen angeht, da wird sich der Islam von den Schulen seiner traditionellen Heimat nicht lösen. Gibt es überhaupt noch Leute, die dieses Anliegen eines Euro-Islam ernsthaft verfolgen? Und selbst wenn: Die grundlage die der Islam für eine "Humanisierung" bietet ist denkbar schlecht. Ich denke, ich habe das deutlich machen können. Abdel-Samad spricht in dem Zusammenhang von "Geburtsfehler" ...

Was die Schule als religionskundlichen Verantwortungsträger angeht, so ist das sicher ein hehres Anliegen und muss gestützt werden, doch fehlt mir das Vertrauen in diese Institution, die den Kindern ja kaum noch Rechnen beizubringen vermag. Welche aufklärerische Gegenkraft die Schule aufzubringen vermag, kann man ja auch schon daran messen, inwiefern Muslime die schon heute in der Schule vermittelten anderen Werte (Gleichberechtigung etc.) angenommen haben, wenn sie die Schule verlassen.

Diese Vorstellung, dass hier herkommende Leute schon irgendwie erkennen werden, dass "man nach unseren Wertvorstellungen auch ein gutes und sinnvolles Leben führen kann", kann ich überhaupt nicht nachvollziehen und es ist genau das, was mich "fertigmacht". Bislang konnte mir noch niemand irgendwie erklären, von was diese Vorstellung gestützt wird, ausser von diffusen Hoffnungen, Wunschdenken und weitgehender Ausblendung der Realität. Es spricht nach meinem Wissen ÜBERHAUPT nichts dafür, dass das auch nur bei größeren Teilen der Herkommenden der Fall sein könnte. Wir haben doch bereits ausreichende Erhebungen zu den schon hier lebenden, die dem eindeutig widersprechen. Warum wird das verleugnet? Warum?

Und das ist das nur der eine Teil, der empirische.

Der andere ist die Arroganz, die einer solchen Annahme oder gar "Forderung" nach Assimilation innewohnt. Eine Anerkennung oder gar Übernahme(!) unserer Werte und Kultur wurde ja nun eben nicht zu einer Bedingung für eine Einwanderung gemacht. Und diese Leute kommen auch nicht, weil sie ihre eigene Kultur verraten wollen - auf so eine bizarre Idee kann man wohl auch nur als Deutscher kommen! Diese Leute haben eine stark identitätsstiftende Religion und Kultur und wollen diese nachvollziehbar und ganz zu Recht auch behalten!

Das letzte was ich nicht hinnehmen kann, ist der Widerspuch in der Annahme an sich, diese Leute würden erkennen können, dass unsere Wertvorstellungen unseren Wohlstand und Frieden begründen, wenn man gleichzeitig unserer Gesellschaft die Schuld für die schlechten Zustände in Arabien und Afrika gibt.
Verhängnisvollerweise - und das wird nicht nur von Autoren wie Abdel-Samad detailiert beschrieben, sondern kann leicht selbst in Gesprächen mit Leuten von dort nachvollzogen werden - herrscht diese Vorstellung von Verantwortlichkeit offenbar auch in den Gebieten, aus denen viele der Leute kommen. Verschärft wird dieser Wahn durch die Paarung mit einer - mehr oder weniger stark ausgeprägten, aber doch immer vorhandenen - "Übermenschenidee", die der Islam in sich trägt (die Umma ist die bestmögliche Gemeinschaft des Menschen, der Moslem der einzig rechtschaffende, der Ungläubige oder Dhimmi ist in der Bringschuld - ergo: Das es den Moslems schlecht geht, ist die Schuld der Verderblichen), eine denkbar schlechte Kombination, was die Assimilationschancen angeht. (Sonderlich, da das hier auf das exakte Gegenstück, den deutschen Schuldkult trifft!)

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#4

RE: Mohammed und Du

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 29.01.2017 21:24
von Wolo • 174 Beiträge

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:)[style=display: none;]|addpics|de3-1-5ad0.png|/addpics|

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#5

RE: Mohammed und Du

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 29.01.2017 23:14
von ernst • 72 Beiträge

Ich denke auch nicht, dass die Menschen islamischen Glaubens uns entgegen kommen. Deshalb haben wir m.E. nur den Weg, ihnen zu zeigen, dass wir ein tragfähiges Wertesystem haben.

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