#1

Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 06.02.2017 22:50
von Wolo • 159 Beiträge

Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber Sorgen.

Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast. Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist. jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß es jeden Morgen mehr werden.

Ihrer Natur entsprechend lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser verabscheuen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen, immer ängstlich rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall gemacht. Wir versuchen zwar manchmal aus unseren Geschäften hervorzulaufen und wenigstens den ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es geschieht immer seltener, denn die Anstrengung ist nutzlos und bringt uns überdies in die Gefahr, unter die wilden Pferde zu kommen oder von den Peitschen verletzt zu werden.

Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie nicht, ja sie haben kaum eine eigene. Untereinander verständigen sie sich ähnlich wie Dohlen. Immer wieder hört man diesen Schrei der Dohlen. Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen zeigen sie sich auch gegen jede Zeichensprache ablehnend. Du magst dir die Kiefer verrenken und die Hände aus den Gelenken winden, sie haben dich doch nicht verstanden und werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt ihnen alles.

Auch von meinen Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann aber darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem Fleischer gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon alles entrissen und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an einem Ende. Der Fleischhauer ist ängstlich und wagt es nicht, mit den Fleischlieferungen aufzuhören. Wir verstehen das aber, schießen Geld zusammen und unterstützen ihn. Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer weiß, was ihnen zu tun einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird, selbst wenn sie täglich Fleisch bekommen.

Letzthin dachte der Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des Schlachtens sparen, und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das darf er nicht mehr wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in meiner Werkstatt platt auf dem Boden und alle meine Kleider, Decken und Polster hatte ich über mir aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen nicht zu hören, den von allen Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den Zähnen Stücke aus seinem warmen Fleisch zu reißen. Schon lange war es still ehe ich mich auszugehen getraute; wie Trinker um ein Weinfaß lagen sie müde um die Reste des Ochsen.

Gerade damals glaubte ich den Kaiser selbst in einem Fenster des Palastes gesehen zu haben; niemals sonst kommt er in diese äußeren Gemächer, immer nur lebt er in dem innersten Garten; diesmal aber stand er, so schien es mir wenigstens, an einem der Fenster und blickte mit gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloß.

"Wie wird es werden?" fragen wir uns alle. "Wie lange werden wir diese Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor bleibt verschlossen; die Wache, früher immer festlich ein- und ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es; und wir gehen daran zugrunde."

Franz Kafka

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#2

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 06.02.2017 23:39
von bumkin • 49 Beiträge

wieso wußte das eigentlich der Herr Kafta?

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#3

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 07.02.2017 14:10
von Printmaker • 27 Beiträge

Aus welchem Werk stammt denn das Fundstück?

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#4

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 07.02.2017 15:06
von Wolo • 159 Beiträge

@Printmaker, ich schlage gestern eher zufällig (es ist immer das gleiche!) Kafka (Reclam #700) auf und was kommt zutage? Genau.
Du findest es auch online: http://gutenberg.spiegel.de/buch/franz-kafka-erz-161/21

@bumkin, vielleicht war Kafka in der Lage in kulturellen Dimensionen zu denken? Kafka war Jude. Und vielleicht ist die Geschichte archetypisch und einfach auch schon älter :)
Ich bin kein Kafka-Experte, aber auch hier scheint er alte Geschichten zu verarbeiten:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/franz-kafka-erz-161/19
Ich würde die "vom jüdischen her" denken und nicht zu vergessen: Das ist alles von Anfang des 20. Jhd.
Sehr interessant!


zuletzt bearbeitet 07.02.2017 15:11 | nach oben springen

#5

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 07.02.2017 15:32
von bumkin • 49 Beiträge

Wolo, ich war längere Zeit in "arabischen" Ländern und es hat mich immer angeekelt, wie sie mit Tieren umgehen...

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#6

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 07.02.2017 16:36
von Mete • 146 Beiträge

Da muss man gar nicht in die arabischen Länder - es genügt schon Süd-Europa...

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#7

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 07.02.2017 17:17
von Printmaker • 27 Beiträge

Danke Wolo.

>Kafka war Jude. Und vielleicht ist die Geschichte archetypisch und einfach auch schon älter :)<

Das verstehe ich jetzt nicht ganz. Die Juden stammen doch auch von Nomaden ab.
Aber Kafka war freilich auch zeitweise von Selbsthass gepeinigt.

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#8

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 07.02.2017 17:53
von Wolo • 159 Beiträge

@Printmaker, die Geschichte lässt sich auf vielen Ebenen beschauen. Kafka war zweifellos Europäer - und emanzipierter Jude.
Seltsamerweise scheint die Betrachtung des jüdischen Aspekts bei Kafka ja eher exotisch (wie gesagt, ich habe mich mit Kafka eher wenig befasst- aber das springt doch ins Auge! Siehe auch die Geschichte mit den Arabern.)

Ich lese jetzt erstmal diesen Text dazu:
http://www.ursulahomann.de/FranzKafkaUnd...m/komplett.html

Zu "den Juden" - die beileibe keine Einheit bilden - gibt es hier einen netten (verkürzten) Einführungs-Beitrag, den ich empfehlen kann:
https://www.youtube.com/watch?v=S55sW09WXg4
(Auch sehr interessant die teils weiterführenden Kommentare dort!)


zuletzt bearbeitet 07.02.2017 18:46 | nach oben springen

#9

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 07.02.2017 19:00
von bumkin • 49 Beiträge

danke, Wolo, das ist wirklich sehr aufschlussreich...

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#10

RE: Fundstück - Ein altes Blatt

in Einblicke, Ansichten und Aussichten 09.02.2017 20:51
von Printmaker • 27 Beiträge

@Wolo
Ich habe einiges von und über Kafka gelesen, was allerdings auch schon eine Weile her ist. Er war wohl zuerst ein äußerst empfindsamer Charakter, mit einem Hang zur Paranoia, dem es nicht gegeben war, sich in seinem sozialen Umfeld zu behaupten.
Die Literatur war für ihn eine Art Ventil, mit dem er den auf ihm lastenden Druck gesellschaftlicher Zwänge und unerfüllter Bedürfnisse etwas mildern konnte.
Und freilich gab es Einflüsse, die er literarisch verarbeitet hat.

Er war aber m.E. weit davon entfernt, Kulturen oder Religionen zu analysieren und daraus gewonnene Erkenntnisse in Fabeln zu vertiefen. Also sind beschriebene Konstellationen wie in der o.g. Geschichte nur Vehikel zum Transport von Kafkas Innenleben, aber keine politische Botschaft oder gar Prophezeiung.

Frau Homann hat viel über das Christentum und das Judentum geschrieben, da meint sie Kafka vielleicht ganz gut einreihen zu dürfen; aber es ist der Versuch am falschen Subjekt.

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